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Jessica Färberkind | The Dyers' Child
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Jessica Färberkind | The Dyers' Child Jessica Färberkind | The Dyers' Child

Jessica Färberkind

Posted on 21. Mai 20267. Oktober 2026

„Ich male und zeige einfach das, was unserer Verbindung zu allem am nächsten ist.“
Jessica Färberkind (*1979)

Jessica Färberkind ist bildende Künstlerin, Autorin, Dozentin und Leiterin künstlerischer Workshops. Nach Studien der Kunsterziehung und Kunsttherapie absolvierte sie ihren Master of Arts an der University of the Arts London. Stationen in Berlin, Bayern und Taos, New Mexico, prägten ihren künstlerischen Weg. Heute lebt und arbeitet sie am Hof Emschermündung im Ruhrgebiet. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Pflanzenfarben, selbst hergestellte Lackpigmente und das von ihr entwickelte Verfahren The Dyers’ Child. Ihre künstlerische Praxis verbindet Malerei mit selbst gewonnenen Pflanzenfarben und Pigmenten, Materialforschung sowie einer Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Erinnerung und den Prozessen des Werdens.

An der Schwelle des Werdens

Für mich ist Kunst eine Öffnung – ein Raum, in dem Grenzen durchlässig werden und Zeit ihre Eindeutigkeit verliert.

Meine Arbeit beginnt mit Wahrnehmung. Mit dem, was mich umgibt, was sich verändert, was sichtbar wird und was sich zunächst nur als Ahnung zeigt. Mit Landschaft, Farbe und Erinnerung, mit einem Material, einem Geruch, einer Bewegung oder einer Begegnung. Vieles davon lässt sich im ersten Moment noch nicht voneinander trennen.

Ich nehme wahr, bevor ich weiß, was daraus entstehen wird.

Mein Weg ist ein fortwährendes Sehen und Lieben dessen, was sich zeigen will. Am Hof Emschermündung, zwischen Rhein, Emscher und Rotbach, ist diese Wahrnehmung eng mit dem Ort verbunden. Pflanzen wachsen, Wasser bewegt sich, Landschaft verändert sich, Stoffe entstehen und vergehen. Im sevengardens Living Lab werden diese Prozesse Teil meiner künstlerischen Arbeit.

Aus der Wahrnehmung führt mich mein Weg immer wieder in die Materie.

Ich arbeite mit Pflanzen, Erde und Wasser, mit Farbstoffen, die sich lösen, verändern und mit anderen Stoffen verbinden. Ich baue Pflanzen an, sammle und extrahiere ihre Farben und verwandle sie in Pigmente. Aus diesen Pigmenten entstehen wiederum flüssige Farben, die sich auf Papier, Stoff und anderen Bildträgern ablagern, trocknen, schichten und auf Licht und Umgebung reagieren.

Eine Farbe ist dabei nie nur das, was am Ende sichtbar bleibt. Sie trägt die Zustände in sich, aus denen sie hervorgegangen ist.

Eine Pflanze besitzt ihre Farbe noch nicht in der Form, in der sie später im Bild erscheint. Etwas wird aus ihr gelöst, gebunden, gefällt, getrocknet und wieder in Bewegung gebracht. Ich greife ein, beobachte, warte und entscheide. Gleichzeitig antwortet das Material auf seine eigene Weise. So entsteht das Bild in einer Beziehung zwischen meinem Handeln und dem, was sich meinem Einfluss entzieht.

Die Alchemie, die mich daran interessiert, liegt für mich in der Verwandlung eines Zustandes in einen anderen und in der Frage, was während dieser Verwandlung sichtbar wird.

Aus dieser Arbeit ist auch mein Verfahren The Dyers’ Child entstanden. Es ermöglicht mir, selbst hergestellte Lackpigmente wieder zu verflüssigen und als Künstlerfarben weiterzuverwenden. Forschung und künstlerischer Prozess lassen sich für mich dabei kaum voneinander trennen. Erkenntnis entsteht durch Beobachtung, Erfahrung, Wiederholung und durch die unmittelbare Begegnung mit dem Material.

Doch das Werden, das ich darin erfahre, reicht für mich weit über die Herstellung von Farbe hinaus.

Auch Wahrnehmung, Erinnerung und Erkenntnis sind keine abgeschlossenen Zustände. Vergangenes kann in der Gegenwart weiterwirken. Eine Erfahrung kann ihre Bedeutung verändern, wenn wir ihr Jahre später erneut begegnen. Manches ist längst wirksam, bevor wir eine Sprache dafür haben.

Kunst geschieht für mich an dieser Schwelle des Werdens.

Dort berühren sich Materie und Wahrnehmung, Körper und Erinnerung, Sichtbares und Unsichtbares. Für einen Moment können ihre Grenzen durchlässig werden. Was über das unmittelbar Sichtbare hinausweist, befindet sich für mich nicht außerhalb der Welt. Es ist in ihr gegenwärtig – in einem Körper, in einer Erinnerung, in einer Farbe, in einer Bewegung, in der Materie selbst.

Deshalb brauche ich das Material.

Pflanzen, Wasser, Erde und Pigmente sind keine Hüllen für eine Wahrheit, die sich irgendwo dahinter verbirgt. In ihrer Veränderung liegt bereits Erkenntnis. Ich begegne in ihnen einer Welt, die ihre Zustände fortwährend verändert und zugleich Spuren dessen bewahrt, was sie gewesen ist.

Auch Zeit erfahre ich dabei nicht ausschließlich als eine Folge von Augenblicken.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft können sich überlagern wie transparente Schichten. Etwas Vergangenes kann plötzlich wieder gegenwärtig werden. Eine Bedeutung kann sich erst Jahre später zeigen. Und manchmal scheint ein Bild etwas in sich zu tragen, das ich im Moment seines Entstehens selbst noch nicht wissen konnte.

Ein Bild kann mehr wissen als die Person, die es malt.

Für mich gehört es deshalb niemals nur dem Augenblick seiner Entstehung. Es kann verschiedene Zeiten in sich tragen und Beziehungen sichtbar machen, die sich für mich erst später erschließen.

Der Künstler befindet sich während des Arbeitens für einen Moment auf dieser Schwelle. Er nimmt an dem teil, was sichtbar ist, und zugleich an dem, was sich seinem unmittelbaren Wissen entzieht. Er steht der Welt dabei nicht gegenüber. Er bewegt sich in ihr und ist selbst Teil ihrer Veränderung.

In meiner Arbeit ist Violett zu einer Farbe für diesen Zustand geworden.

Violett liegt für mich zwischen den Dingen. Zwischen Innen und Außen, Erinnerung und Gegenwart, Gewordenem und Kommendem. Es bezeichnet keinen anderen, vom Materiellen getrennten geistigen Ort. Es ist die Farbe einer Durchlässigkeit, in der verschiedene Ebenen für einen Moment gleichzeitig anwesend sein können.

Darin liegt auch der Gedanke des Werdens, der meiner Arbeit und meinem Buch FÄRBERKIND – Vom Werden der Farbe zugrunde liegt.

Der Titel beschreibt mehr als den Weg von der Pflanze zum Pigment und vom Pigment zum Bild. Im Werden der Farbe erkenne ich etwas, das mich weit darüber hinaus beschäftigt: Die Welt besteht nicht nur aus fertigen Dingen und festgelegten Zuständen. Sie ereignet sich fortwährend, und wir ereignen uns in ihr.

Kunst ist für mich ein Ort, an dem dieses Werden wahrnehmbar werden kann.

Der Künstler bildet die Welt an dieser Schwelle nicht einfach ab. Für einen Augenblick nimmt er an ihrer Durchlässigkeit teil. Und was dort als Werk entsteht, gehört selbst zu ihrem fortwährenden Werden.


„I am simply painting and showing what’s closest to our connection to everything.“
Jessica Färberkind (*1979)

Jessica Färberkind is a visual artist, author, workshop facilitator, and university lecturer. After studying art education and art therapy, she earned her Master of Arts from the University of the Arts London. Years spent in Berlin, Bavaria, and Taos, New Mexico, shaped the development of her artistic practice.

Today, she lives and works at Hof Emschermündung in Germany’s Ruhr region. Her work centers on plant-based colors, self-made lake pigments, and The Dyers’ Child, a process she developed for re-fluidizing these pigments and transforming them into artists’ colors. Her artistic practice combines painting with self-extracted plant-based colors and pigments, material research, and an exploration of perception, memory, and processes of becoming.

At the Edge of Becoming

For me, art is an opening – a space in which boundaries become permeable and time loses its clarity.

My work begins with perception. With what surrounds me, what is changing, what becomes visible, and what at first appears only as an intuition. With landscape, color, and memory, with a material, a scent, a movement, or an encounter. At first, many of these things cannot be clearly separated from one another.

I perceive before I know what will emerge from it.

My path is a continual act of seeing and loving what wants to reveal itself. At Hof Emschermündung, between the Rhine, the Emscher, and the Rotbach, this way of perceiving is deeply connected to place. Plants grow, water moves, landscapes shift, materials emerge and disappear. In the sevengardens Living Lab, these processes become part of my artistic practice.

Perception leads me again and again into matter.

I work with plants, earth, and water, with dyes that dissolve, change, and bind with other substances. I grow plants, gather them, extract their colors, and transform them into pigments. These pigments can become fluid again and be used as inks, settling onto paper, fabric, and other surfaces, drying, forming layers, and responding to light and their surroundings.

A color is never only what remains visible in the end. It carries within it the states through which it has passed.

A plant does not yet possess its color in the form in which it will later appear in a painting. Something is released from it, bound, precipitated, dried, and set in motion again. I intervene, observe, wait, and make decisions. At the same time, the material responds in its own way. The image emerges through a relationship between what I do and what remains beyond my control.

The alchemy that interests me lies precisely there: in the transformation of one state into another, and in the question of what becomes visible in the course of that transformation.

This work also gave rise to my process The Dyers’ Child. It allows me to re-fluidize lake pigments I have made myself and use them as artists’ colors. Research and artistic process are difficult for me to separate. Knowledge emerges through observation, experience, repetition, and direct encounter with the material.

But what I experience in this process of becoming extends far beyond the making of color.

Perception, memory, and understanding are not fixed states either. The past can continue to act within the present. An experience can change its meaning when we encounter it again years later. Some things are already at work long before we have language for them.

For me, art happens in this in-between of becoming, where matter and perception, body and memory, the visible and the invisible touch. For a moment, the boundaries between them can become permeable. What reaches beyond the immediately visible does not, for me, exist outside the world. It is present within it – in a body, in a memory, in a color, in a movement, in matter itself.

That is why I need the material.

Plants, water, earth, and pigments are not shells for a truth hidden somewhere behind them. Their transformation already carries knowledge within it. In working with them, I encounter a world that is continually changing its states while still retaining traces of what it has been.

I also do not experience time only as a sequence of moments.

Past, present, and future can overlap like transparent layers. Something from the past can suddenly become present again. A meaning may reveal itself only years later. And sometimes an image seems to carry something within it that I could not yet have known at the moment of its making.

An image can know more than the person who paints it.

Perhaps this is why a work never belongs only to the moment in which it was created. It can carry different times within it and make relationships visible that only become clear to me later.

While working, the artist enters this in-between for a moment, taking part in what has become visible and, at the same time, in what remains beyond immediate knowledge. The artist does not stand outside the world but moves within it and takes part in its becoming.

In my work, violet has become a color for this state.

For me, violet exists between things. Between inside and outside, memory and presence, what has become and what is still to come. It does not point toward another spiritual realm separated from the material world. It is the color of permeability – a space in which different dimensions of experience can be present at the same time.

This is also where the idea of becoming lies, a thought that runs through both my work and my book FÄRBERKIND – Vom Werden der Farbe.

The title describes more than the path from plant to pigment and from pigment to image. In the becoming of color, I recognize something that concerns me far beyond this process: the world is not made only of finished things and fixed states. It is continually becoming, and we are becoming within it.

For me, art is a place where this becoming can become perceptible.

In this in-between, the artist does not simply depict the world but takes part in its permeability for a moment. What emerges there as a work becomes part of the world’s ongoing becoming.

Farbe aus Granatäpfeln

ÜBER JESSICA
Jessica Färberkind ist bildende Künstlerin, Autorin, Dozentin und Leiterin künstlerischer Workshops. Ihre künstlerische Praxis verbindet Malerei mit selbst gewonnenen Pflanzenfarben und Pigmenten, Materialforschung sowie einer Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Erinnerung und den Prozessen des Werdens.

Impressum

ABOUT JESSICA
Jessica Färberkind is a visual artist, author, workshop facilitator, and university lecturer. Her artistic practice combines painting with self-extracted plant-based colors and pigments, material research, and an exploration of perception, memory, and processes of becoming.

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